Glücklich bei der Deutschen Bahn, Teil 2

Obwohl das Dichten ja eigentlich mein Metier nicht ist, bescherte die Deutsche Bahn mir allein in den vergangenen zwei Wochen so viele schöne Stunden, dass ich auf der letzten längeren Bahnfahrt (heute) beschloss, ihr, statt mich über diverse Verspätungen zu ärgern, einen kleinen Gedichtzyklus zu widmen.
Ich bediente mich dabei als Inspirationsquelle einiger Formvorgaben des Lyrischen Januar .

Sonett

Was ist die Welt doch schön an diesem Tage!
Am Fenster zieht die Welt an mir vorbei;
Ich lieb‘ das Leben und die Reiserei!
Ich frag‘ mich, warum ich’s so selten wage.

Die Reisefreud‘ ist nicht von langer Dauer.
Am nächsten Bahnhof fällts mir wieder ein:
Dass Bahnfahr’n heißt, ein Wartender zu sein.
Wir sind verspätet. Und das heißt genauer:

Der Anschlusszug würd‘ liebend gerne warten,
doch Reisende ham leider schlechte Karten –
Ersatz fährt in zwei Stunden von Gleis vier.

Verehrte Deutsche Bahn, ich frag mich, tut ihr
das absichtlich? Mich packt hier grad die Wut – ihr
seid nie zu spät, wenn ich drauf spekulier!

 

Ode an die Deutsche Bahn

O du geliebte Deutsche Bahn!
Was tät‘ ich ohne dich?
Wenn’s dich nicht gäb – wie fürchterlich!
Ich müsste Auto fahn!

 

Clerihew I

Hartmut Mehdorn
ward oft gepackt von Jähzorn.
Günter Jauch
auch.

II

Rüdiger Grube
erfand die Zahnpastatube.
Er bekam dafür keinen Orden;
da ist er halt Bahnchef geworden.

III (bahnfrei)

Vincent Van Gogh
fiel einst in ein Loch.
Da fand er eine Flasche Wein
und dachte sich: „Och… fein!“

Terzine

„Noch zugestiegen?“, fragt der Zugbegleiter.
Kein Reisender ist da, um ihm zu lauschen;
Der Zug fährt ohne anzuhalten weiter.

Kein Fahrgast hört das Rattern und das Rauschen,
als sich der Zug durch öde Landschaft windet,
und sieht die Gräser sich im Fahrtwind bauschen.

Ein Bahnsteig fliegt vorüber und verschwindet,
und darauf, kaum erkennbar, zwei Gestalten,
derweil der Zug sich auf der Fahrt befindet.

Als ob sie jedem Wetter standgehalten,
stehn eines alten Bahnhofs Mauern da –
der Zug fährt weiter, ohne anzuhalten.

 

…Und damit übergebe ich das Feld wieder an die fleißigen Januarlyriker 🙂

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